Ratgeber · Geschichte & Kultur

Die Geschichte der Emojis: von 1999 bis heute

Emojis sind älter als die meisten denken. Der erste Set entstand 1999 für japanische Pager und Mobiltelefone, mehr als acht Jahre vor dem ersten iPhone. Erst 2010 brachte Unicode 6.0 die globale Standardisierung, und damit den Weg von japanischer Mobilfunk-Kuriosität zum universellen Kommunikationsmittel. Diese Chronik geht durch die wichtigsten Etappen.

6 Min Lesezeit 1.279 Wörter 5 FAQs
Jan-Tristan Rudat
Jan-Tristan RudatRedakteur
Geprüft am

Vor den Emojis: Smileys, Emoticons, ASCII-Art

Bevor es Emojis gab, gab es Smileys. Den klassischen gelben Smiley entwarf 1963 der amerikanische Grafiker Harvey Ross Ball für eine PR-Kampagne der Versicherungsgesellschaft State Mutual Life. Er bekam für den Auftrag 45 Dollar und ließ ihn nicht schützen, weshalb der Smiley heute zu den meistkopierten Logos der Welt zählt.

Die digitale Vorform der Emojis sind Emoticons, also Zeichenketten wie :-) oder ;-), die das Gesicht als seitliche ASCII-Komposition imitieren. Der amerikanische Informatiker Scott Fahlman schlug am 19. September 1982 in einem Bulletin-Board-Beitrag an der Carnegie Mellon University vor, sarkastische und ernsthafte Postings durch :-) und :-( zu markieren, der dokumentierte Beginn der Emoticons. Yahoo Messenger ergänzte ab 1998 Auto-Umwandlungen, die :-) in eine gelbe Smiley-Grafik verwandelten. Das war die Vorform der heutigen Emoji-Inline-Darstellung.

Parallel dazu entstand in Japan eine eigene Tradition der Kaomoji, horizontaler Emoticons wie (^_^) oder (>_<). Diese Kaomoji nutzen das vollständige Repertoire japanischer Zeichensätze und sehen nicht seitwärts gekippt aus wie westliche Emoticons. Sie sind bis heute in japanischen Texten lebendig und tauchen auch in Windows-Emoji-Pickern unter einem eigenen Tab auf.

1999: Shigetaka Kuritas Pager-Set

Den entscheidenden Schritt zur modernen Emoji-Form ging Shigetaka Kurita, ein damals 25-jähriger Designer bei NTT DoCoMo, dem größten japanischen Mobilfunkanbieter. Kurita arbeitete am Konzept für i-Mode, einen Mobile-Internet-Dienst, der ab Februar 1999 in Japan startete und mit über 50 Millionen Nutzern bis Mitte der 2000er-Jahre einer der frühesten Mobile-Online-Erfolge weltweit war.

Kuritas Aufgabe: einen Set aus kleinen Bildzeichen entwerfen, die die strikten Größenlimits der damaligen Mobilfunknetze ausnutzten, um Emotionen, Wetterlagen und alltägliche Konzepte schnell darzustellen. Mit 12 × 12 Pixeln pro Glyphe und nur sechs Farben (plus Transparent) lag das technische Limit weit unter dem, was heutige Vektor-Emojis darstellen.

Kurita zeichnete 176 Glyphen, inspiriert teils von japanischen Manga-Symbolen, teils von Verkehrszeichen, teils von Wettervorhersage-Piktogrammen. Der Set wurde im Februar 1999 mit i-Mode ausgeliefert und unter den japanischen Pager- und Mobilfunknutzern schnell populär. Das Museum of Modern Art in New York erwarb 2016 den Original-Set in seine ständige Sammlung und stellt ihn online unter moma.org/collection/works/196070.

Die japanische Carrier-Ära

Nach NTT DoCoMo zogen die beiden anderen großen japanischen Mobilfunkanbieter nach: KDDI (mit der au-Marke) und SoftBank. Beide entwickelten eigene Emoji-Sets, die mit Kuritas Set zwar konzeptuell verwandt, aber nicht identisch waren. Die drei Sets waren untereinander nicht kompatibel: ein Emoji von einem DoCoMo-Telefon auf ein KDDI-Telefon geschickt erschien beim Empfänger oft als Kästchen oder als komplett anderes Bild.

Um den Chaos zu begrenzen, betrieben die japanischen Carrier in den 2000ern komplexe Mapping-Tabellen, die Emojis beim Übergang zwischen Netzen umwandelten. Eine Sonne aus DoCoMo wurde in ein passendes Sonnen-Symbol aus dem KDDI-Set übersetzt, soweit ein vergleichbares existierte. Was nicht gemappt werden konnte, ging verloren.

Diese Situation war einer der zentralen Gründe für die spätere Unicode-Standardisierung. Apple und Google, die ab 2007/2008 in den japanischen Markt eintraten, wollten Telefone bauen, die mit den lokalen Carrier-Standards funktionieren, und brauchten dafür eine einheitliche Codepoint-Tabelle.

2008-2011: iPhone und der Sprung in den Westen

Mit dem iPhone 3G im Juli 2008 brachte Apple das erste westliche Mainstream-Smartphone mit einem werkseitig eingebauten Emoji-Set. Das war kein Zufall: Apple hatte für den japanischen Markt eine Partnerschaft mit SoftBank, und Emoji-Unterstützung war dort nicht optional, sondern Marktstandard. Im November 2008 schaltete iOS 2.2 die Emoji-Tastatur für japanische Nutzer frei.

In den USA und Europa fanden findige Nutzer schnell heraus, dass sich die Tastatur über Jailbreak-Tools auch im Westen aktivieren ließ. Apps wie „Emoji Free” tauchten ab 2010 im App Store auf, die die Region-Sperre offiziell umgingen. Im Oktober 2011 brachte Apple iOS 5, das die Emoji-Tastatur weltweit ohne Region-Bindung verfügbar machte. Innerhalb weniger Monate wurden Emojis in den USA und Europa zum Massenphänomen.

Oktober 2010: Unicode 6.0

Der Schritt vom japanischen Inselthema zum globalen Standard kam mit Unicode 6.0 im Oktober 2010. Diese Version standardisierte 722 Emojis aus den Sets der japanischen Carrier mit eigenen Codepoints im Unicode-Block U+1F300 bis U+1F5FF (Miscellaneous Symbols and Pictographs) und U+1F600 bis U+1F64F (Emoticons).

Mit Unicode 6.0 war die Grundlage gelegt, auf der heute alles aufbaut. Plattformen mussten nicht mehr eigene Mappings pflegen, sie folgten einfach dem Unicode-Standard. Apple, Google, Microsoft und Samsung implementierten in den folgenden Jahren Emoji-Schriften für ihre OS-Versionen, jeder mit eigenem visuellen Design.

Ab 2014 wurden die jährlichen Unicode-Updates für Emojis zu einem festen Termin. Unicode 7.0 brachte 250 neue Emojis (Juni 2014), Unicode 8.0 die Skin-Tone-Modifier (Juni 2015), Unicode 9.0 die ersten Berufs-Emojis in verschiedenen Geschlechtern (Juni 2016).

2015 und danach: Repräsentation als Designprinzip

Ab 2015 setzte sich beim Unicode Consortium die Erkenntnis durch, dass Emoji-Sets als globales Kommunikationswerkzeug auch globale kulturelle Vielfalt abbilden müssen. Die Skin-Tone-Modifier von Unicode 8.0 waren der erste große Schritt: bis dahin waren alle menschlichen Emojis gelb, was im englischsprachigen Raum als implizit weiße Default-Hautfarbe kritisiert worden war.

Es folgten Berufs-Emojis in männlich und weiblich (Unicode 9.0), Hijab und Vollbart (Unicode 10.0, vorgeschlagen 2016 von Rayouf Alhumedhi, einer damals 15-jährigen Schülerin aus Berlin), Familien-ZWJ-Sequenzen in allen Konstellationen, gleichgeschlechtliche Paare, geschlechtsneutrale Personen.

Parallel kamen kulturelle Spezialprodukte: Maté-Becher (Argentinien, Unicode 11.0), Brezel mit Hinweis auf den deutschsprachigen Markt (Unicode 11.0), Falafel (Unicode 13.0), Dumpling (Unicode 11.0). Der Unicode-Auswahlprozess legt seitdem viel Wert darauf, dass jedes neue Emoji ein zeitloses Konzept abbildet und nicht regional zu spezifisch ist. Marken-Embleme, politische Symbole und Personen werden konsequent abgelehnt.

Zeitstrahl der Emoji-Geschichte 1999 bis heute 1999 Kurita-Set 176 Emojis 2008-11 iPhone global ab iOS 5 2010 Unicode 6.0 722 Emojis 2015 Skin-Tones Word of Year 2024 Unicode 16.0 ~3.900 Emojis 25 Jahre Emoji-Geschichte von Japanischem Pager-Set zum globalen Standard Quellen: Unicode Consortium, MoMA, Oxford Languages
Eckdaten der Emoji-Entwicklung von Kurita 1999 bis Unicode 16.0 (2024).

Was die Geschichte für die Zukunft heißt

Drei Beobachtungen aus 25 Jahren Emoji-Entwicklung, die wahrscheinlich auch das nächste Jahrzehnt prägen.

Erstens: der Standard wird vermutlich nicht mehr explodieren. Der jährliche Zuwachs hat sich seit Unicode 14 verlangsamt, von einst 250 neuen Emojis pro Jahr auf zuletzt etwa 30 bis 50. Das Consortium signalisiert, dass die wichtigsten konzeptuellen Lücken geschlossen sind und neue Aufnahmen jetzt eher Nischen abdecken.

Zweitens: die Repräsentationsthemen sind weitgehend bearbeitet. Skin-Tones, Geschlechtervarianten, Familienkonstellationen, religiöse Bekleidung, die großen Repräsentations-Erweiterungen kamen zwischen 2015 und 2020. Was bleibt, sind regionale Lücken (Tiere, Pflanzen, Speisen aus weniger repräsentierten Regionen).

Drittens: die Vendor-Sets driften wieder leicht auseinander. Microsoft Fluent Emoji ist seit dem Refresh 2021 visuell sehr distinktiv (3D-artige Rendering-Effekte), und Apple, Google und Samsung haben sich zwar visuell angenähert, aber pflegen weiterhin eigene Stilistiken. Das heißt: das eine universelle Emoji-Aussehen wird es nicht geben. Die Codepoints sind universell, das Bild ist es nicht, und das ist seit den japanischen Carrier-Wars von 2005 strukturell so geplant.

FAQ

Häufige Fragen

Wer hat das erste Emoji erfunden?

Der japanische Designer Shigetaka Kurita gilt offiziell als Erfinder der modernen Emoji-Form. Er entwickelte 1998-1999 bei NTT DoCoMo einen Set aus 176 kleinen Bildzeichen für die i-Mode-Plattform, einen Mobile-Internet-Dienst, der ab Februar 1999 in Japan startete. Der Kurita-Set ist seit 2016 in der ständigen Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Vorläufer (Emoticons aus ASCII, Yahoo-Smileys) gab es früher, aber die typische bunte Glyphen-Form, die wir heute Emoji nennen, stammt von Kurita.

Woher kommt das Wort „Emoji"?

Aus dem Japanischen: 絵 (e, „Bild") und 文字 (moji, „Schriftzeichen"). „Emoji" heißt also wörtlich „Bildschriftzeichen". Die phonetische Ähnlichkeit zum englischen „emotion" ist ein Zufall, sprachgeschichtlich gibt es keinen Zusammenhang. Im englischen Sprachgebrauch wurde der Begriff ab etwa 2010 üblich, im deutschen ab 2012-2013.

Wann kam das erste Emoji ins westliche Mainstream-Smartphone?

Mit iOS 2.2 im November 2008. Apple hatte die Emoji-Tastatur zunächst nur für japanische iPhone-Nutzer freigeschaltet (SoftBank-Partnerschaft), aber findige User aktivierten sie über Jailbreak-Tools auch in den USA und Europa. Mit iOS 5 im Oktober 2011 machte Apple die Emoji-Tastatur global und unabhängig von der Region verfügbar. Das war der eigentliche Durchbruch im Westen.

Welche Emojis gab es zuerst, welche kamen später?

Der Kurita-Set von 1999 hatte 176 Emojis: Gesichter, Wetter, Verkehrsmittel, einfache Symbole. Unicode 6.0 (Oktober 2010) standardisierte 722 Emojis. Seitdem ist die Zahl jährlich gewachsen, Unicode 15.1 (September 2023) zählt etwa 3.900. Spätere Aufnahmen waren oft repräsentationsgetrieben: Skin-Tone-Modifier 2015, Berufe in verschiedenen Geschlechtern 2016, Hijab 2017, Mate-Becher und Brezel 2018, Hände in Liebe 2019.

Was war das Oxford-Wort des Jahres 2015?

Das Emoji 😂, „Face with Tears of Joy". Es ist das erste und bisher einzige Mal, dass die Oxford English Dictionaries kein Wort, sondern ein Emoji zum „Word of the Year" wählten. Begründung: 😂 sei laut Daten der Mobile-Technology-Firma SwiftKey das weltweit am häufigsten verwendete Emoji des Jahres gewesen und reflektiere den „ethos, mood, and preoccupations" von 2015.

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Quellen

Worauf dieser Ratgeber sich stützt

Veröffentlicht · zuletzt geprüft
Verantwortlich: Jan-Tristan Rudat
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