Ratgeber · Unicode & Vendor

Der Unicode-Emoji-Standard: Versionen und Vendor-Kompatibilität

Hinter jedem Emoji steckt eine bürokratische Geschichte. Das Unicode Consortium entscheidet jährlich, welche Emojis neu in den Standard aufgenommen werden. Die Vendor, Apple, Google, Microsoft, Samsung, WhatsApp, haben dann jeweils eigene Zeitpläne, das Set in ihrer Schrift auszuliefern. Dieser Ratgeber erklärt, wie der Standard funktioniert und warum die gleiche Codepoint-Sequenz auf jedem Gerät anders aussieht.

6 Min Lesezeit 1.341 Wörter 5 FAQs
Jan-Tristan Rudat
Jan-Tristan RudatRedakteur
Geprüft am

Was ein Emoji wirklich ist

Ein Emoji ist im Kern nichts anderes als ein Unicode-Codepoint oder eine kurze Sequenz solcher Codepoints. Das einfachste Beispiel, das 😀, hat den Codepoint U+1F600 und den offiziellen Namen „Grinning Face”. Dieser Codepoint ist seit Unicode 6.0 (Oktober 2010) im Standard. Alles, was du auf dem Bildschirm siehst, gelbes Gesicht, schwarze Augen, Mund mit Zähnen, ist die Interpretation des Codepoints durch die Render-Engine deines Geräts.

Die Unicode-Spezifikation gibt sich Mühe, das Aussehen nicht festzulegen. Sie sagt nur „Grinning Face” und liefert eine winzige Beispiel-Glyphe in Schwarzweiß als Referenz. Was Apple, Google, Microsoft, Samsung und alle anderen daraus machen, ist ihre eigene Designentscheidung. Deshalb hat dasselbe 😀 auf jedem Vendor eine leicht andere Form: Apple zeigt eine andere Augenform als Google, Microsoft hat einen breiteren Mund, Samsung war jahrelang berüchtigt für ein sehr eigenes „lächelndes Käse-Gesicht”, das mit One UI 4 (2021) an die Konkurrenz angepasst wurde.

Wer entscheidet, welche Emojis neu kommen

Das Unicode Consortium ist eine kalifornische Non-Profit-Organisation, die seit 1991 den Unicode-Standard pflegt. Mitglieder sind Tech-Konzerne (Apple, Google, Microsoft, Adobe, Meta), aber auch Universitäten und einzelne nationale Standardisierungsorganisationen. Über neue Emojis entscheidet das Emoji Subcommittee, ein Gremium innerhalb des Consortiums.

Vorschläge für neue Emojis können von jedem eingereicht werden, sogar von Privatpersonen. Der Prozess heißt „Emoji Proposal” und ist auf der Unicode-Website öffentlich dokumentiert. Wer einen Vorschlag einreicht, muss begründen, warum das Emoji eine breite Nutzerbasis erreichen wird, dass es keine vorhandenen Emojis gibt, die das Gleiche abdecken, und dass das Konzept zeitlos genug ist, um in zehn Jahren noch sinnvoll zu sein. Marken-Emojis (Logos von Unternehmen, Sportvereinen) werden grundsätzlich abgelehnt, ebenso politische Symbole.

Berühmte erfolgreiche Proposals: das Hijab-Emoji 🧕 (vorgeschlagen 2016 von Rayouf Alhumedhi, einer damals 15-jährigen Schülerin aus Berlin), das Maté-Trinkgefäß 🧉 (Argentinien, 2018) und der Brezel 🥨 (vorgeschlagen unter Hinweis auf den deutschsprachigen Markt). Der jährliche Aufnahmezyklus dauert von Proposal-Einreichung bis Unicode-Aufnahme typischerweise 18 bis 24 Monate.

ZWJ-Sequenzen: aus mehreren Emojis wird eins

Eines der interessantesten technischen Konzepte sind die ZWJ-Sequenzen. ZWJ steht für Zero-Width-Joiner, Unicode-Codepoint U+200D, ein nicht-druckbares Steuerzeichen. Wenn zwei Emojis durch einen ZWJ verbunden sind, signalisiert das der Render-Engine, dass sie als eine einzige zusammenhängende Glyphe dargestellt werden sollen.

Das berühmte 👨‍👩‍👧 (Familie aus Vater, Mutter, Tochter) ist tatsächlich die Sequenz 👨 + ZWJ + 👩 + ZWJ + 👧, vier Codepoints, die zusammen ein einziges Bild ergeben. Der Vorteil: Unicode muss nicht für jede mögliche Familienkonstellation einen eigenen Codepoint definieren, sondern erlaubt durch das ZWJ-Konzept beliebige Kombinationen. Der Nachteil: wenn die Render-Engine die spezifische Sequenz nicht kennt, zerfällt sie in die Einzel-Emojis. Auf alten Android-Versionen sah man deshalb statt 👨‍🦰 (Mann mit roten Haaren) ein 👨 gefolgt von 🦰 (rote Haare als Einzel-Emoji).

Ähnlich funktionieren die Skin-Tone-Modifier. Die Fitzpatrick-Modifier (U+1F3FB bis U+1F3FF) hängen sich an ein hauttonfähiges Basis-Emoji und färben es entsprechend ein. 👋🏼 ist die Sequenz 👋 + U+1F3FC (Fitzpatrick Type 3). Wer das Basis-Emoji ohne Modifier sendet, bekommt die gelbe Default-Variante, die als „neutral” gedacht ist. Skin-Tone-Modifier wurden 2015 mit Unicode 8 eingeführt, nachdem die Standardisierung als zu „weiß” kritisiert worden war.

Der Vendor-Release-Zyklus

Unicode veröffentlicht eine neue Version typischerweise einmal pro Jahr im September. Die Vendor reagieren mit sehr unterschiedlichen Tempi.

Apple ist seit Jahren der schnellste. iOS bekommt eine neue Emoji-Version regelmäßig im darauffolgenden Frühjahr (etwa März/April) mit dem 16.x-Punkt-Release. Wer auf iPhone das aktuellste Emoji-Set haben will, sollte iOS immer auf der neuesten Minor-Version halten.

Google ist mit Pixel und Android meist drei bis sechs Monate hinter Apple. Die Roll-out-Reihenfolge auf Android-Geräten variiert stark: Pixel-Geräte und Samsung Galaxy bekommen Emoji-Updates zuverlässig, generische Android-Handys oft erst mit Verzögerung und manche gar nicht, weil der Hersteller keine OS-Updates mehr pflegt.

Microsoft mit Segoe UI Emoji liegt traditionell ein Jahr oder mehr hinter dem Unicode-Release. Windows 11 hat das Fluent-Emoji-Set im Oktober 2021 eingeführt, aber neue Unicode-Versionen werden meist erst mit dem nächsten Major-Feature-Update integriert.

Samsung One UI ist seit One UI 4 (2021) im Apple-Stil designt und hat damit das Vendor-Drift-Problem auf seinen eigenen Geräten weitgehend ausgeräumt.

Unicode-Emoji-Versionen 2015 bis 2024 2015 Unicode 8 Skin-Tones 2016 Unicode 9 2017 Unicode 10 2018 Emoji 11 2019 Emoji 12 2020-21 Emoji 13/14 2022-23 Emoji 15.x 2024 Unicode 16 Unicode-Emoji-Versionen seit 2015 Jaehrlicher Release-Zyklus, jeweils 30-100 neue Emojis Apple iOS 3-6 Monate nach Unicode-Release schnellster Vendor Microsoft Windows 12-18 Monate nach Unicode-Release mit Major-Update
Unicode-Emoji-Versionen ab 2015 mit Vendor-Roll-out-Zeiten. Quelle: Unicode Consortium, Emojipedia.

Wann ein Emoji „fertig” ist

In der Praxis ist ein Emoji erst dann zuverlässig verwendbar, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Unicode hat es aufgenommen, alle relevanten Vendor haben es in ihre Schrift integriert, und die Empfänger-Geräte haben das entsprechende OS-Update bekommen.

Bei einem aktuellen Apple-Emoji aus Unicode 15.1 (September 2023) liegt die Marktdurchdringung auf iPhone-Geräten bei deutlich über 90 Prozent, Apple zwingt iOS-Updates mit dem Hinweis auf Sicherheits-Patches nach, sodass die meisten User auf einer aktuellen iOS-Version sind. Bei Android sieht die Statistik anders aus: zur gleichen Zeit waren auf der weltweiten Android-Basis nur etwa 60 Prozent der Geräte auf einer OS-Version, die Unicode 15.0 unterstützt. Die Restmenge sind ältere Geräte ohne Update.

Daraus folgt eine Faustregel für praktische Anwender: Emojis aus den letzten 12 Monaten sind „neu” und kommen bei einem Teil der Empfänger als Kästchen oder Fragezeichen an. Emojis, die mindestens drei Jahre alt sind, gelten als „sicher” und werden auf praktisch jedem Empfänger-Gerät korrekt dargestellt.

Was du wissen solltest, bevor du nach neuen Emojis suchst

Drei Punkte aus der Recherche zu Unicode-Updates, die in den Anfragen an die Redaktion regelmäßig auftauchen.

Erstens: die offiziellen Namen ändern sich nicht. Unicode revidiert zwar gelegentlich Beschreibungen, aber der Codepoint und der Hauptname bleiben stabil. Wer ein Emoji über seinen Unicode-Namen sucht (z.B. „face with tears of joy” für 😂), findet es zuverlässig in jedem aktuellen Picker.

Zweitens: nicht jede Glyphe ist ein offizielles Emoji. Es gibt eine Grauzone aus Unicode-Zeichen, die historisch als Symbole standardisiert wurden und später als Emoji dargestellt werden, die Schach-Symbole ♔♕♖♗♘♙ sind ein Beispiel. Sie haben kein Skin-Tone, keine ZWJ-Sequenz, sind aber in Emoji-Pickern dabei. Unicode unterscheidet hier zwischen „Emoji_Presentation” (Standard-Default ist farbig) und „Text_Presentation” (Standard-Default ist Schwarzweiß-Glyphe).

Drittens: Emoji-Suche funktioniert nicht über Codepoints, sondern über Annotations. Die deutschen Annotations stammen aus dem CLDR-Repository (Common Locale Data Repository) des Unicode Consortium. Wer wissen will, mit welchen deutschen Schlüsselwörtern ein Emoji indexiert ist, findet die offizielle Liste im CLDR-Annotations-Datenfile.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Unicode und einem Emoji-Set?

Unicode definiert nur den Codepoint und den offiziellen Namen, nicht das Aussehen. U+1F600 ist „Grinning Face", aber wie das Gesicht konkret aussieht (Form, Farbe, Augen, Mund), entscheidet jeder Vendor selbst. Apple Color Emoji, Noto Color Emoji (Google), Segoe UI Emoji (Microsoft), Samsung One UI Emoji und Twemoji (Twitter/X, MIT-lizenziert) sind die fünf wichtigsten Vendor-Sets. Sie haben alle dieselben Codepoints, aber jeweils eigene Glyphen.

Wie oft kommen neue Emojis dazu?

Bis Unicode 14 (2021) gab es jährlich eine neue Emoji-Version mit 30-100 neuen Emojis pro Jahr. Seit Unicode 15 ist der Rhythmus etwas langsamer, mit kleineren Releases. Im Mai 2026 ist Unicode 15.1 von September 2023 die aktuelle, breit ausgerollte Version. Unicode 16.0 wurde im September 2024 veröffentlicht und erreicht die User-Geräte erst nach und nach über die jeweiligen OS-Updates.

Was sind ZWJ-Sequenzen?

ZWJ steht für Zero-Width-Joiner (U+200D), ein unsichtbares Verbindungszeichen, das mehrere Emojis zu einer kombinierten Glyphe verschmilzt. Klassisches Beispiel: 👨‍👩‍👧 (Familie Vater Mutter Tochter) ist tatsächlich die Sequenz 👨 + ZWJ + 👩 + ZWJ + 👧, drei Emojis mit zwei Joinern, von der Render-Engine als ein zusammenhängendes Bild dargestellt. Wenn der Empfänger die ZWJ-Sequenz nicht kennt, zerfällt sie in die drei einzelnen Emojis.

Warum dauert es so lange, bis neue Emojis auf meinem Handy ankommen?

Weil drei separate Release-Ketten ineinandergreifen müssen. Erstens: Unicode veröffentlicht die neue Version. Zweitens: der OS-Vendor (Apple, Google, Samsung) integriert die neuen Codepoints in sein Emoji-Set und liefert es mit dem nächsten OS-Update aus, das kann sechs bis achtzehn Monate dauern. Drittens: das Gerät muss das OS-Update bekommen, was bei Android-Geräten oft an der Hardware-Hersteller-Pflege scheitert. Pixel-Telefone und iPhones sind hier schnell, generische Android-Tablets können Jahre Verzögerung haben.

Warum sehen Emojis auf X (Twitter) auf allen Geräten gleich aus?

Weil X das Twemoji-Set im Browser-Frontend ausliefert. Twemoji ist seit 2014 als Open-Source-Schrift unter MIT-Lizenz verfügbar. Wer ein Tweet liest, sieht die Twemoji-Variante, egal ob er auf iPhone, Android, Windows oder Mac unterwegs ist. Dasselbe Prinzip nutzen Discord (auf allen Plattformen Twemoji) und einige Foren-Plattformen.

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Quellen

Worauf dieser Ratgeber sich stützt

Veröffentlicht · zuletzt geprüft
Verantwortlich: Jan-Tristan Rudat
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